Schneckenrennen

Veröffentlicht am 15. März 2025 um 18:20

Im Vorfeld eines Besuchs überlege ich mir immer einen möglichen Gesprächsverlauf. Welche Floskeln, Wörter und Silben kommen auf mich zu? Wie reagiere ich auf Ungesagtes, Gesagtes also die ominösen Dinge, die zwischen den Zeilen passieren?

Konversation und Kommunikation sind gar nicht so unkompliziert, nicht nur für mich. Wenn dem so wäre, gäbe es doch nicht so viele Ratgeber und Seminare-von Rhetorik bis Methodik.

Vor kurzem hat mir ein befreundeter Künstler einen Tipp gegeben. »Du musst halt mal ins Machen kommen. Ins Tun, ins Handeln. Du weisst schon… Du denkst zu viel!», hat er mir nachgerufen, als ich sein Malatelier verlassen habe.

Einfach mal machen, ohne zu wissen, ob es gut oder schlecht ist. Gar nicht so simpel, sind wir doch grossgeworden, in einem Spinnennetz-artigen Geflecht aus Wertung und Beurteilung.

Diese Spinnenfäden haben sich wie ein Korsett dicht um meinen gesamten Leib festgezogen und festgezurrt. Seit Jahren versuche ich, mich Stück für Stück aus dieser Enge zu befreien.

Ich muss los, ich starte den Versuch des Besuchs. Endlich wieder mal bei meinen lieben Grosseltern.

Ich klingle, warte und höre, wie leise Schritte langsam in Richtung Eingangstür schlurfen. Hilde öffnet mir die Tür.

«Hallo! Oh, das ist ja eine wunderbare Überraschung! Wie geht es dir?»

Hilde umarmt mich innig.

So müssen sich meine Linolschnitte fühlen, wenn ich sie unter die dafür vorgesehene Walzpresse gebe, denke ich. Ich versuche, gekonnt zu lächeln und die Umarmung anzunehmen. Reiss dich zusammen, denke ich.

«Gut, gut, wie geht es euch?»

Otto sitzt im Wohnzimmer auf einer braunen Ledercouch. Das Leder ist über die Jahre der Nutzung alt und brüchig geworden. Die Couch ein Eindruck, der von Alter und Ermüdung erzählt, ein stummer Zeuge des Lebens.

Früher lebte eine Couch mindestens 20 Jahre bei einer Familie.

Wenn eine Couch ein Buch schreiben könnte, drängten sich hunderte Seiten über Wahrheiten und Unwahrheiten ans Tageslicht. Es ist wohl besser, wenn die Couch nichts schreibt, keine Lyrik, keine Prosa. Die Familiengeheimnisse bleiben für immer in den Nähten der Couch verschlossen.

Die Trends wechseln. Die Möbel sind billig geworden, sie halten auch nichts mehr aus. Böse Zungen höre ich schon zynisch flüstern: «Genau wie unsere Gesellschaft, wehleidig sind sie alle geworden. «

Diese bösen Zungenpragmatiker sind mir viel zu einfach in dieser komplexen Welt, von der ich selbst kaum etwas verstehe.

Otto ist von grosser Statur, breite Schultern, grauer langer gelockter Bart, tiefe Stimme. Otto redet nicht viel, und wenn doch, reichen ihm bereits wenige Worte für eine prägnante Aussage. Auch das ist eine Kunst für sich. Ausdrucksstark mit wenigen Worten. Rhetorik, das würde ich wirklich gerne können. Hilde ist ein Kontrast zu Otto, ungefähr 1.50 gross.

Ihr Redefluss sprudelnd und flüssig wie ein Wasserfall. Vor ihr liegt druckfrisch gepresst ein Sensationen Blatt mit gross gedruckten Schlagzeilen.

«Hast du schon gehört? Hast du schon gesehen? Es wurde wieder eingebrochen! Dort ein Unfall, da ein Vulkanausbruch. Die Welt wird bald davonrollen wie ein Fussball, die Grenzen eines Spiels sind schon längst erreicht, der Ball wird sich eine weile über Wasser halten können im Fluss des Lebens, vielleicht wird er mal an einem Ast hängen bleiben und sich für kurze Zeit ausbalancieren, aber nicht lange dann wird er in einen tiefen Schacht fallen. Das wird das Ende sein, unser Untergang. «

«Hmm ich weiss nicht», sage ich «ich habe das Gefühl es ist nur eine Reise.

Viel mehr kann ich nicht entgegnen, denn Hilde nimmt eine klare politische Haltung ein, sie richtet sich auf und erscheint mir mit einmal riesig breitbeinig steht sie vor mir und schaut mir direkt frontal in die Augen. Sie wedelt unaufhörlich mit dem Finger vor meinem Gesicht und fällt in einen ausführlichen Monolog über die Moral des Menschseins. Selbst ein uns wohlgesinnter Taschenrechner kann die Differenz zwischen uns nicht ausgleichen.

Ich nicke und lächle. Politischer Schlagabtausch liegt mir nicht. Ab und zu habe ich mich auf solche Diskussionen eingelassen, aber sie endeten mit rotem Kopf und Erschöpfung. Inzwischen gehe ich mit meinen Ressourcen anders um. Ich führe ein Energiehaushaltstagebuch Ich kalkuliere bei Diskussionen exakt zwischen Aufwand und Ertrag.

Hilde meint: « Es ist schön dich wiederzusehen, komm doch mit, wir wollten gerade zum Stammtisch im Restaurant gegenüber.»

Mist. Zwickmühlenalarm. Ich bin nicht darauf vorbereite, noch mehr Menschen zu treffen, und eigentlich wollte ich mich bei Kaffee und Kuchen bei den Grosseltern vor dem Fernseher berieseln lassen. Soweit mein Plan. Noch einmal gehe ich den Originalplan durch. Nö. Menschen und reden steht da nicht drauf. Andererseits wäre es wohl unhöflich abzulehnen, oder?

«Klar ich komme gerne mit!» höre ich mich sagen, und innerlich habe ich ein Bild vor mir, wie ich den Kopf vor einer Wand sitzend in Dauerschleife dagegen knalle.

Da sitze ich also, am Stammtisch. Otto hat erwähnt, dass beim Stammtisch-Treff nie viel gesprochen wird. Man versteht sich auch so. Er kennt mich und meine Konversationsabneigung wohl schon recht gut.

Zu sechst sitzen wir gemütlich an einem langen, abgegriffenen aber solid aussehenden Holzstich hinter unseren Bierkrügen. Dem einen oder anderen entfällt ein Ja ja so ist es halt.

Der Gartensitzplatz hinter dem Wirtschaftshaus unter den alten schönen Kastanienbäumen ist nicht gross. Hier sind wenig visuelle Reize, und auch auditiv ist es ganz in Ordnung. Der Wind bläst sanft durch die Blätter ein beruhigendes Rascheln lässt mich etwas entspannen. Die Vögel singen.

Nach kurzer Zeit kommt Pauli dazu, ich schätze ihn um die siebzig. Pauli sitzt im Rollstuhl. Auf seinem Knie hockt eine kleine Eule in einem wunderschönen geflochtenen Weidenkorb. Die Eule hat eine gehäkelte rosa Mütze auf. Pauli grüsst mich und sagt, als er meinen verwunderten Blick bemerkt: «Ich pflege kranke, alte und schwache Tiere bei mir zuhause. Häkeln ist meine neuste zusätzliche Freizeitbeschäftigung. Alle Tiere – wenn sie es denn möchten – bekommen von mir gehäkelte Utensilien. Ich frage die Tiere immer, was sie sich für eine Farbe wünschen. Ich habe nämlich einen Tierkommunikationskurs besucht und kann mich mit ihnen verständigen. Ich könnte ein ganzes Buch darüber, was sie mir alles erzählen.»

Die Eule starrt mich mit ihren grossen Glubschaugen an. Ihre Blicke durchdringen mich und lassen mich ganz erschaudern. Ich verspüre ein Gefühl zwischen furchteinflössendem Geisterbahnritt und sanftem gemächlichem Gleiten auf einer niedlichen Märchenbahn.- ein Rummelplatzeffekt ohne Rummel. Ein intensives Gänsehaut Gefühl stellt sich ein.

Pauli schwelgt in Erinnerungen und beginnt zu erzählen. «Weisst du damals haben wir die grossen Weinbergschnecken gesammelt und mit nach Hause genommen. Anschliessend haben wir die Schneckenhäuser mit Airbrush-Farben bemalt. Wie kleine Formel-1 -Rennwagen haben sie ausgesehen! Wunderschön, jede einzelne ein Meisterstück.»

«Ich habe gar nicht gewusst, dass es Airbrush schon so lange gibt, erwidere ich.»

«Doch doch, das gab es damals schon. «Nachdem wir die Schnecken fein säuberlich mit Starnummern versehen und mit mustern bemalt, haben wurden sie verpackt.

Damals gab es offizielle Veranstaltungen. Mit dem Fahrrad waren wir ewig unterwegs, um an diesen Rennen teilzunehmen. Sogar Startgebühren mussten wir bezahlen. Das waren grosse Partys mit Tanz und Fest.

Ich höre erstaunt zu und stelle mir vor, wie die kleinen Schnecken mit ihren bunten Schneckenhäusern ungeduldig am Start auf den Startschuss warten. Pauli redet weiter.

 

«Ein Rennen, werde ich nie vergessen. Wir hatten unsere Schnecken an den Start gebracht. Sie schienen nicht so fit zu sein. Nach drei Stunden rennen hatte ich keine Lust mehr, zu warten, bis die erste Schnecke endlich das Ziel erreicht und habe mit meinen Kollegen ausgiebig einen über den Durst getrunken. Meine Schnecke hat es nicht aufs Siegertreppchen geschafft sie kam erst nach über 5 Stunden an. Das habe ich längst nicht mehr mitbekommen, da habe ich schon hinter dem Festzelt meinen Rausch ausgeschlafen.»

Ich verspüre innerliche Dankbarkeit, dass ich mich überwinden konnte den Versuch des Besuchs zu starten, denn sonst hätte es nie diese wunderschöne Bilderwelt  in meinem Kopf gegeben heute und ich hätte hier nichts zu erzählen.

Text 

Claudia Rohner 

2025

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